Die Geschichte von Marianne Golz-Goldlust
Die Lebensgeschichte von Marianne Golz-Goldlust ist ein bemerkenswertes Zeugnis persönlicher Tapferkeit, bürgerlicher Verantwortung und tragischer Paradoxien der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung. Die gebürtige Österreicherin mit tschechischen und polnischen Wurzeln machte sich in den 1920er und 1930er Jahren einen Namen als erfolgreiche Operettensängerin, die auf bedeutenden europäischen Bühnen auftrat. Erst der Aufstieg des Nationalsozialismus und der Wandel der politischen Verhältnisse in Mitteleuropa führten sie nach und nach zu Aktivitäten, die ihr weiteres Schicksal grundlegend veränderten.
Herkunft und familiärer Hintergrund:
Marianne Golz-Goldlust wurde am 31. Jänner 1895 in Wien (fälschlicherweise wird oft der 23. Jänner angegeben) als Maria Agnes geboren, genauer gesagt in Hernals, dem 17. Wiener Gemeindebezirk. Ihr Vater war Ferdinand Belokostolsky (in der Literatur oft fälschlicherweise als Josef angegeben). Nach bisherigen Erkenntnissen stammte er aus Polen, obwohl einige Quellen Trnava in der Slowakei als seinen Geburtsort angeben. Er arbeitete als Kabelaufseher bei der Wiener Elektrizitätsgesellschaft. Ihre Mutter war Amálie, geborene Bahrová, eine gebürtige Südmährerin aus Hrádek bei Znojmo. Marianne beschrieb sich später selbst mit den Worten: „Ich bin Wienerin, mein Vater ist Pole, meine Mutter Tschechin.“ 1 Sie wuchs in Wien in einer katholischen Familie zusammen mit ihrer Schwester Rosa, mit bürgerlichem Namen Rosina Amalia, später verheiratete Haala, auf. In einigen Quellen wird außerdem ein Bruder namens Josef erwähnt.
Künstlerische Karriere:
Nach dem Abitur in Wien studierte sie Tanz und Gesang und nahm den Künstlernamen „Marianne Tolska“ an. Ihr erstes dokumentiertes Engagement stammt aus der Spielzeit 1919/1920, als sie am Stadttheater in Steyr auftrat. Die erste Erwähnung ihrer künstlerischen Tätigkeit stammt aus dem Juli 1921, als sie als Mitglied des Ensembles des Wiener Raimundtheaters in Linz gastierte. Es folgten weitere Gastspiele, unter anderem in Innsbruck. Am 29. Oktober 1921 heiratete sie in Wien Karl Schulz.
Im Jahr 1922 trat sie in Stuttgart in der Operette „Wiener Blut“ auf. Von 1922 bis 1924 hatte sie ein Engagement am Landestheater in Salzburg, wo sie unter der Leitung des bedeutenden österreichischen Operettenkomponisten und Dirigenten Nico Dostal stand. Im Jahr 1923 spielte sie dort unter anderem die Titelrolle in der Operette „Madame Pompadour“ des aus Olomouc stammenden Komponisten Leo Fall. Der Höhepunkt ihrer Operettenkarriere war 1923 der Auftritt an der Seite des damals außerordentlich berühmten österreichischen Tenors Richard Tauber in der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss Jr.
Am 16. Juli 1923 ging Marianne ihre zweite Ehe ein – mit Ernst Wengraf, einem gebürtigen Wiener, Schriftsteller, Librettisten und Musikverleger jüdischer Herkunft. Von Oktober 1922 bis September 1924 war Marianne weiterhin Mitglied des Ensembles des Landestheaters in Salzburg. Ihr letzter bedeutender Auftritt dort war im September 1924 in der Operette „Die Frau in Purpur“ von Jean Gilbert.
Im selben Jahr zog sie mit Ernst Wengraf nach Berlin. Ihr Mann gründete dort den Musikverlag Monopol Liederverlag und war später Mitinhaber der Firma Phönix Wengraf & Co. Marianne zog sich zu dieser Zeit wahrscheinlich aus dem aktiven Bühnenleben zurück, obwohl sie in ihrer Berliner Wohnung weiterhin regelmäßige Kontakte zu Vertretern des Theater- und Werbebereichs pflegte. Die Ehe mit Wengraf zerbrach jedoch nach kurzer Zeit.

Berlin:
In Berlin lernte Marianne Hans Werner Goldlust (1902‒1969) kennen, einen sieben Jahre jüngeren Einheimischen. Anfang der 1920er Jahre nahm er den Namen „Golz“ an, da er als assimilierter Jude die Stigmatisierung ablehnte, die mit seinem ursprünglichen Nachnamen verbunden war. Beruflich war er als Leiter der Werbe- und Vertriebsabteilung der Zeitschrift „Die literarische Welt“ tätig, später wurde er deren Miteigentümer und Geschäftsführer. Es handelte sich um eine bedeutende Literaturzeitschrift, zu der auch Autoren beitrugen, die später vom Nazi-Regime verhasst waren, darunter Bertolt Brecht und Walter Benjamin.
Nach der Scheidung von Ernst Wengraf heirateten Marianne und Hans Golz-Goldlust 1929 in Berlin. Seitdem lebte Marianne in engem Kontakt mit der Familie ihres Mannes Haus. Eltern Josef Goldlust (1873‒1939) und seine Frau Rosa (1876‒1942) zogen später in dasselbe Haus, und auch seine Schwester Ilse, verheiratete Neumann, hatte hier mit ihrer Familie eine Wohnung. Gerade diese enge Verbindung zur Familie ihres Mannes, die jüdischer Herkunft war, gewann in den folgenden Jahren grundlegende Bedeutung und kann als eine der wichtigsten Voraussetzungen für ihr späteres Handeln angesehen werden.
Emigration nach Prag:
Nach Adolf Hitlers Machtübernahme in Deutschland im Jahr 1933 erkannten sowohl Hans als auch Marianne die wachsende Gefahr, die das nationalsozialistische Regime für sie darstellte. Noch im März desselben Jahres verkaufte Hans daher die Zeitschrift „Die literarische Welt“ und das Ehepaar beschloss, nach Prag zu emigrieren. Nach einiger Zeit folgten auch Hans’ Eltern Josef und Rosa Goldlust sowie seine Schwester Ilse mit ihrem Ehemann Ernst Neumann nach Tschechien. Die meiste Zeit ihres Lebens in Prag wohnte die Familie in der Strossmayerova 4, der heutigen Farského 425/4. Während Hans in Prag für verschiedene ausländische Zeitungen arbeitete, unter anderem für die Pariser Agentur Mitropress, war Marianne als Theaterkritikerin tätig, die angeblich in allen Prager Redaktionen bekannt war.
Mariannes Nichte Erika Haala erinnerte sich später wie folgt an sie: „Sie war eine sehr schöne Frau, die große Bewunderung hervorrief. Sie trug gerne Farben und war immer gut gekleidet. Sie war eine sehr auffällige und dominante Frau, sehr vital und sehr lebhaft. Eine Person, die sehr viel Lebensenergie ausstrahlte. Ich habe lange darüber nachgedacht, Lebenslust ist meiner Meinung nach der falsche Ausdruck. Wo immer sie gerade war, war sie die Hauptfigur auf der Bühne. Ich weiß nicht, ob das an ihrer Bühnenpräsenz oder an ihrem Temperament lag, aber es hat uns alle sehr beeinflusst. Sie war ein Mensch mit enormem Charme, Herzlichkeit und Fröhlichkeit.“ 2
Als Deutschland am 15. März 1939 den Rest der Tschechoslowakei besetzte und zum Protektorat Böhmen und Mähren erklärte, stand Hans Golz-Goldlust auf der Verhaftungsliste der Gestapo. Einige Tage nach der Besetzung wurde er tatsächlich verhaftet. Wie er später selbst berichtete, spielte Marianne bei den Verhören vor den Beamten „ein solches Theater“, dass Hans nach dem ersten Verhör unter der Bedingung entlassen wurde, dass er am nächsten Tag wieder erscheinen müsse. Auch am zweiten Tag gelang es Marianne durch energisches Drängen, seine Entlassung am Abend zu erreichen. Am dritten Tag erschien Hans nicht mehr zum „Verhör“ in der dafür vorgesehenen Turnhalle und entging so der Deportation in ein Konzentrationslager. Mit Hilfe seiner Agentur Mitropress besorgte er sich anschließend ein Visum für Polen, wo er jedoch nicht bleiben durfte. Über Warschau gelang ihm schließlich zusammen mit anderen Emigranten im Sommer 1939 die Flucht über das Meer nach England.

Marianne und ihre Tätigkeit:
Marianne blieb offenbar aus eigener Entscheidung in Prag, um der Familie ihres Mannes zu helfen und gleichzeitig die Angelegenheiten im Zusammenhang mit der Wohnung zu regeln, in der das Ehepaar bisher gelebt hatte. Obwohl sie bereits im Juli 1939 über die notwendigen Dokumente verfügte, um ihrem Mann nach England zu folgen, gelang es ihr nicht, vor Ausbruch des Krieges im September 1939 zu emigrieren. In der Zwischenzeit beging ihr Schwiegervater Josef Goldlust im August 1939 in Prag Selbstmord.
Hans Golz erinnerte sich nach dem Krieg an diese Situation: „Meine Frau Marianne wollte mir zunächst nach England folgen. Als dann aber der Krieg ausbrach, war das nicht mehr möglich. Wir hatten auch nur noch die Möglichkeit, über das Rote Kreuz Nachrichten mit zehn Wörtern zu verschicken. Meine Frau hatte nie Angst. Sie begann sofort, die Flucht von Tschechen und Juden zu organisieren…“ 3
Ab Herbst 1941 begannen im Protektorat Böhmen und Mähren systematische Deportationen von Jüd:innen in Ghettos und Konzentrationslager, deren Ziel ihre Isolierung, Ausbeutung und schließlich Vernichtung war. Zum wichtigsten Sammelpunkt und Durchgangsstation wurde das Konzentrationslager in Theresienstadt, das im November 1941 offiziell als Ghetto eingerichtet wurde.
Die Ereignisse im unmittelbaren Familienkreis von Marianne Golz-Goldlust hatten tragische Auswirkungen auf diese Entwicklung. Ihre Schwägerin Ilse (1901‒1942?) wurde zusammen mit ihrem Ehemann Ernst Neumann (1893‒1942?) am 3. November 1941 von Prag in das Ghetto in Łódź (Litzmannstadt) und von dort am 19. Mai 1942 nach Chelmno (Kulmhof) deportiert, wo sie ermordet wurden. Am 20. Juni 1942 wurde auch Mariannas Schwiegermutter Rosa Goldlust nach Theresienstadt deportiert, deren weiteres Schicksal sich im Vernichtungslager Treblinka verliert.
Wahrscheinlich auch unter dem Einfluss dieser persönlichen Ereignisse zögerte Marianne nicht, zu helfen, wann immer sie darum gebeten wurde und wann immer es in ihrer Macht stand. Auf die Frage, ob sie sich aus politischen Gründen engagierte, antwortete Erika Haala, die Tochter von Mariannes Schwester Rosi: „Ja und nein. Sie war eine Person, die sich der politischen Lage dieser Zeit sehr bewusst war. Aber sie tat dies sicherlich nicht aus Widerstand, sondern aus Menschlichkeit, das ist sicher. Aber nicht aus einer naiven Menschlichkeit, die sich der politischen Welt nicht bewusst war. Das war bei ihr sicherlich nicht der Fall.“ 4
Der konkrete Umfang und die genauen Mechanismen der Hilfe, die Marianne Golz- Goldlust den bedrohten Juden leistete, lassen sich heute nur indirekt rekonstruieren – vor allem aus dem erhaltenen Urteil, kurzen Erwähnungen in ihren Briefen und einigen späteren Zeugenaussagen. Die Quellen sind fragmentarisch, deuten jedoch auf einen relativ großen Umfang ihrer Aktivitäten hin.
Mariannes Nichte Erika Haala erinnerte sich später: „Marianne half ihnen, indem sie durch irgendwelche Verbindungen oder Kontakte zur Gestapo oder zu einem Beamten rechtzeitig von der Deportation derjenigen erfuhr, die davon bedroht waren. Die Menschen, die auf der nächsten Liste standen, wurden benachrichtigt und mit Hilfe einer Organisation nachts über die Grenze gebracht, dann wurde das Geld an meine Mutter geschickt.“ 5 Diese Aussage deutet auf die Existenz eines Informantennetzwerks und einer organisierten Schleuserorganisation hin, in die Marianne involviert war.
Weitere Zeugenaussagen deuten darauf hin, dass ihre Hilfe auch das Umfeld des Ghettos von Theresienstadt betraf. Erna Steiner, damals noch unter ihrem Mädchennamen Langer, die mit Marianne zusammenarbeitete und deren Mutter für sie nähte, sagte: „Ich kannte Frau Golz nur aus zweiter Hand, wir hatten eine verschlüsselte Namensliste. Ich wusste nicht, dass sie Golz hieß. Bis sie eines Tages Kundin meiner Mutter wurde. Ich erkannte sie. Und ich sagte ihr: Kein Wort zu meiner Mutter. Sie war eine wunderbare Frau und schwieg natürlich. Und dann machte sie einen schrecklichen Fehler. Sie holte einige Leute aus Theresienstadt in die Schweiz usw. Sie holte einige Leute aus dem Konzentrationslager über ihre Leute bei der SS.“ 6
Anderen Berichten zufolge soll Marianne über eine geheime Verbindung zu ihrem Mann Informationen aus dem besetzten Prag an die tschechoslowakische Exilregierung in London weitergegeben haben. Erna Steiner sagte dazu: „Ich wusste davon, weil verschlüsselte Briefe verschickt wurden und es auch eine Verbindung zu Präsident Beneš gab.“ 7 Diese Aussagen müssen jedoch unter Berücksichtigung ihrer begrenzten Nachweisbarkeit bewertet werden.
Eine wichtige Basis für diese Hilfe war auch Mariannas Prager Haushalt in der Strossmayerova-Straße, heute Farského 4. Alle zwei Wochen fand donnerstagsabends in ihrer Wohnung ein unauffällig als „gesellschaftliches Treffen” bezeichnetes Treffen statt, bei dem sich regelmäßig ein relativ fester Personenkreis versammelte. An den Treffen nahmen Männer und Frauen tschechischer, deutscher und jüdischer Nationalität teil, darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Kunst- und Intellektuellenkreisen, und neben dem gesellschaftlichen Aspekt wurden hier wahrscheinlich auch konkrete Vereinbarungen darüber getroffen, wie verfolgten Freunden und Bekannten jüdischer Herkunft geholfen werden konnte. Marianne und andere Mitglieder dieses Kreises knüpften daraufhin Kontakte zu Personen, die – manchmal gegen Bezahlung – die Überführung über die Grenze sicherstellten.
Das Bild dieses informellen Netzwerks, wie es heute aus den Gerichtsakten rekonstruiert werden kann, bleibt zwangsläufig unvollständig und in vielerlei Hinsicht unscharf, da die Quellenbasis fragmentarisch ist und viele Akteure nach dem Krieg nicht aussagten oder nicht identifiziert wurden. Aus den verfügbaren Indizien geht jedoch hervor, dass es sich überwiegend um Einzelpersonen ohne festes politisches Hintergrundwissen handelte, die vor allem aus einem Gefühl der persönlichen Verantwortung heraus handelten, wenn sofortige Hilfe erforderlich war. Ihre Handlungen fanden dabei in einer äußerst gefährlichen Atmosphäre statt – insbesondere nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich, als das Kriegsrecht und eine Welle der Repressionen ein Klima der ständigen Angst vor Verhaftung und Hinrichtung schufen. Das Risiko dieser Aktivitäten stieg im Juli 1942 durch die Verordnung des Reichsprotektors „zur Abwehr von dem Reich feindlichen Handlungen” weiter deutlich an, die sich unter anderem gegen Personen richtete, die der jüdischen Bevölkerung bei der Flucht oder Verstecken halfen. Genau diese Vorschrift wurde einige Monate später zu einer der Rechtsgrundlagen für die Anklage gegen Marianne Golz-Goldlust.
Verhaftung:
Der entscheidende Wendepunkt kam am Donnerstag, dem 19. November 1942, als Marianne Golz-Goldlust zusammen mit einigen Freunden von der Gestapo in ihrer Prager Wohnung verhaftet wurde. Die Aktion fand gerade während ihres regelmäßigen Treffens statt.
Zusammen mit Marianne wurde auch Erna Steiner mit ihrer Mutter in der Wohnung festgenommen, die sich später daran erinnerte: „Wir kamen um halb neun dort an, und es waren viele Leute da, und die Gestapo öffnete mit den Worten: ‚Auf euch haben wir schon gewartet!‘ Marianne hatte wahrscheinlich gesagt, wer alles kommen würde, denn es war eine normale Einladung, und es kommen verschiedene Leute. Wir waren bestimmt zu acht. Ich hatte gar keine Gelegenheit, diese Leute kennenzulernen. Als wir zur Tür hereinkamen, war es schon vorbei. Wir blieben nicht lange in der Wohnung, sie führten uns sofort ab.“ 8
Am selben Tag wurde auch Mariannes Schwester Rosi in Wien verhaftet. Ihre Tochter Erika Haala erinnerte sich an dieses Ereignis: „Zuerst wurde meine Mutter ohne Angabe von Gründen von der Gestapo in Wien festgenommen. Am nächsten Morgen wurde meine Mutter freigelassen. Sie wusste, dass es um die Hilfe bei der Flucht von Juden aus Prag und um das Geld ging, das sie diesen Menschen gegeben hatte, weil sie danach gefragt worden war. Dann hörten wir von einer Anwältin, jemand kam zu uns und teilte uns mit, dass Marianne am selben Tag in Prag verhaftet worden war und dass sie natürlich im Gefängnis bleiben würde, weil sie vor Gericht gestellt werden würde, da ihr diese Dinge nachgewiesen worden waren – meiner Mutter konnte nichts nachgewiesen werden.“ 9 Zu ihrer baldigen Freilassung trug offenbar auch die Tatsache bei, dass ihr Mann Offizier der Wehrmacht war.
Bei den Verhören durch die Gestapo entlastete Marianne konsequent die mit ihr zusammen verhafteten Personen, wie es laut späteren Aussagen in ihrem Umfeld zuvor vereinbart worden war. Diese Strategie erwies sich in der Praxis als wirksam. Erna Steiner und ihre Mutter wurden nach einigen Wochen im Gestapo-Gefängnis Pankrác auf freien Fuß gesetzt. Erna Steiner berichtete: „Marianne nahm alles auf sich, und wir waren unschuldige Lämmer, die bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung verhaftet worden waren. Es gab verschiedene Verhöre, und nachdem Marianne gesagt hatte, dass die anderen nichts mit ihr zu tun hätten, dass es ihre Gäste gewesen seien, war die Sache erledigt. Wir wurden freigelassen.“ 10
Erna Steiners Erinnerungen lassen gleichzeitig die persönliche Tapferkeit von Marianne Golz-Goldlust deutlich werden: „Marianne war eine Persönlichkeit, und wenn jemand zu Ihnen sagt, dass er, egal was passiert, alles auf sich nehmen wird, dann muss er sehr stark sein, um das zu schaffen. Wir waren eine ganze Menge Leute, und alle wurden verhaftet, und es bestand die große Gefahr, dass einer etwas anderes aussagt als der andere.“ Gleichzeitig erinnerte sie auch an die Atmosphäre des allgemeinen Misstrauens im Protektorat: „Sie sagte einmal zu meiner Mutter: ‚Wenn Sie mir die bestellten Sachen bringen oder bei mir sind, falls etwas passiert, kennen Sie mich nur geschäftlich und sonst nicht.‘ Und so gingen wir, unter diesem Deckmantel, die bestellte Bluse liefern. Im Protektorat, wie soll ich sagen, brodelte es überall. Man muss wissen, dass sowohl Deutsche als auch Juden und Tschechen verdächtig waren. Man wusste nie, ob jemand, mit dem man über etwas sprach, einen nicht verraten würde. Man konnte niemandem trauen. Wir lebten wie auf einem Vulkan. Ja, in der Familie konnte man einander nicht trauen, es war schrecklich.“ 11
Ebenfalls zum Tode verurteilt wurde die Hausangestellte Emilie Flunková, bei der die Familie Levit eine Zeit lang gewohnt hatte. Nach den Feststellungen des Gerichts soll sie sich an der Beschaffung der gefälschten Dokumente beteiligt haben, indem sie gestohlene amtliche Formulare und Stempel verwendet habe. Auch der Konditor Ladislav Dlesk aus Wien fiel in die Hände der Gestapo. Das Gericht klagte ihn an, im November 1942 zwei Männer mit dem Zug über die Grenze nach Österreich geschmuggelt zu haben.
Zum weiteren Kreis, der mit Marianne Golz in Verbindung stehenden Personen gehörte auch der „Protektoratsjude” Emil Samek, der dem jüdischen Kaufmann und Mitangeklagten Josef Goldschmidt bei seiner Reise nach Wien geholfen haben soll. Schließlich wurde auch Josef Goldschmidt zum Tode verurteilt, der als „Rassejude“ der Deportation entgangen war und sich in Wien versteckt hielt.
Die Zusammenfassung dieser Fälle zeigt, dass die Gestapo ein relativ großes Netzwerk von Personen aufgedeckt hatte, die sich für die Verfolgten engagierten, wobei die repressiven Maßnahmen nicht nur die Hauptorganisatoren trafen, sondern auch Einzelpersonen, die in geringerem Umfang Unterstützung leisteten.
Die Frage, wie die Aktivitäten des Kreises um Marianne Golz-Goldlust aufgedeckt wurden, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Zu den Umständen ihrer Verhaftung äußerte sich Marianne später nur kurz und etwas rätselhaft in einem ihrer Pankrác-Zettel: „Ich wurde künstlich in eine bestimmte Affäre hineingezogen, weil ich zu viel wusste (bitte merken Sie sich das für später, es ist wichtig!).“ 12
Marianne war auch überzeugt, dass Verrat aus ihrem engen Umfeld eine entscheidende Rolle gespielt hatte. In einem Gefängnisbericht an Karel Rameš beschuldigte sie ihre jüdische Freundin Evženie Synková: „Evženie Synková, eine Jüdin, hat mich und zehn weitere Menschen auf dem Gewissen. Sie ist eine Gestapo-Agentin. Herr Karel, sorgen Sie dafür, dass dieses doppelte Spiel von Frau Synková bekannt wird. Nein, damit sie nicht eines Tages gefeiert wird, obwohl sie es überhaupt nicht verdient!“ 13 Nach Mariannes Überzeugung hatte Synková in der Hoffnung, sich und ihre Familie zu retten, die ganze Gruppe verraten.
Eine andere, offenbar einfachere Erklärung lieferte jedoch Mariannas Nichte Erika Haala nach dem Krieg. Ihren Erinnerungen zufolge geschah der Verrat unbeabsichtigt: „Einmal gab meine Mutter einem der Flüchtlinge einen Zahlungsbeleg, auf dem eine private Nachricht für ihn stand. Dieser Mann wurde in Wien verhaftet, und so kam die ganze Sache ans Licht. Dieser Mann hatte kein „J“ in seinem Pass, er war halb Jude, und das war ein großes Glück für meine Mutter, denn sie konnte sagen, dass sie nicht wusste, dass er Jude war, und so wurde sie freigelassen. Aber natürlich wurde weiter ermittelt, und Marianne war die Absenderin, und so kam die ganze Sache ans Licht.“ 14 Diese Version wird auch durch Gerichtsdokumente gestützt, jedoch lässt sich aufgrund fehlender eindeutiger Quellen nicht mit Sicherheit sagen, welche der beiden Versionen dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse entspricht.
Inhaftierung:
Nach ihrer Verhaftung wurde Marianne Golz-Goldlust zunächst im Frauengefängnis in Prag-Řepy inhaftiert. Anschließend wurde sie in das Polizeigefängnis der Gestapo in Prag- Pankrác verlegt. Sie wurde in der Abteilung II A festgehalten, die vor allem für zum Tode verurteilte Häftlinge vorgesehen war. Das Gefängnis in Pankrác gehörte in den letzten Jahren der Besatzung zu den wichtigsten Orten der Vollstreckung der Todesstrafe im Protektorat. Innerhalb von zwei Jahren – von April 1943 bis April 1945 – starben hier insgesamt 1075 Menschen unter der Guillotine, darunter 155 Frauen.
Trotz der außerordentlich schwierigen Bedingungen nahm Marianne Anfang Juli 1943 über einen Zettel, den sie in die Nachbarzelle schickte, Kontakt zu Dr. Richard Mácha auf, der ebenfalls zum Tode verurteilt war. Zwischen den beiden entwickelte sich nach und nach eine Liebesbeziehung, die ausschließlich auf geheimer Korrespondenz beruhte. Diese wurde unter anderem von Karel Rameš ermöglicht, einem unpolitischen Häftling mit relativ großer Bewegungsfreiheit. Er schmuggelte Zettel zwischen den Zellen hin und her und brachte gleichzeitig Briefe nach draußen, die die Häftlinge an ihre Angehörigen außerhalb der Reichweite der deutschen Gefängniskontrolle schicken wollten.
Die erhaltenen Briefe von Marianne und Richard sind ein außerordentlich eindrucksvolles Zeugnis. Es handelt sich um die Liebesbriefe zweier zum Tode verurteilter Menschen, geschrieben in unmittelbarer Nähe des Hinrichtungsortes. Die Texte verbinden Hoffnung und Resignation, Mut und Zweifel. Sie entstanden aus dem offensichtlichen Bestreben, die Menschlichkeit und die Fähigkeit zu lieben auch in einer Situation zu bewahren, in der beide Verfasser ihr nahes Ende erwarteten. Ein Teil dieser Korrespondenz wurde 1946 von Karel Rameš unter dem Pseudonym „Karel R.“ in dem zweibändigen Buch „Žaluji“ (Ich klage) mit dem Untertitel „Pankrácká kalvarie“ (Das Martyrium von Pankrác) veröffentlicht, das im Orbis-Verlag erschien. Die Publikation enthält Briefe und Zettel von zum Tode verurteilten Häftlingen und Häftlingen aus den Jahren 1940‒1945 im Pankrác-Gefängnis, ergänzt durch Fotos einiger Hingerichteter.
Rameš erinnert sich in seinem Buch unter anderem mit folgenden Worten an Marianne Golz-Goldlust: „Wenn man unter diesen bescheidenen und beschämenden Umständen von jemandem sagen konnte, er sei ein ‚Adliger des Geistes‘, dann konnte das nur sie sein. Stolz blickte sie mit einem Lächeln auf die ‚wirklich erbärmlichen‘ Wachmeister, auf diese zweifelhafte und abscheuliche Blüte der deutschen Macht. Obwohl sie als Österreicherin fließend Deutsch sprach, ließ sie sich selten dazu herab, mit dem Wachdienst über etwas zu diskutieren, es musste eine Ausnahme sein, wenn die anderen Frauen aus der Zelle sie darum baten. Sie stand sogar über der Frage des Essens; obwohl sie selbst Hunger litt und unterernährt war, beherrschte sie sich so sehr, dass sie mit den Essensrationen wie mit etwas Nebensächlichem umging.“ 15

Urteil:
Parallel zu den Ermittlungen bemühte sich die Familie von Marianne Golz-Goldlust um rechtliche Unterstützung. Spätestens seit Januar 1943 bemühte sie sich um einen Anwalt, und nach erheblichen Schwierigkeiten übernahm die Prager Rechtsanwältin JUDr. O. Schramek (ihr vollständiger Name und weitere Informationen konnten bislang nicht ermittelt werden) die Verteidigung, die Marianne später auch als Pflichtverteidigerin zugewiesen wurde. In einem Brief an ihre Schwester Rosi vom Mai 1943 schrieb Marianne über sie: „Diese Frau handelt völlig selbstlos. Sie hat mir so viel Mut gemacht, sie ist schließlich eine Frau. Frauen haben ein Herz, und wenn sie dazu noch Verstand haben, sind sie mehr als Männer. Ich bin froh, dass ich sie habe und nicht irgendeinen Anwalt.“ 16
Der Prozess gegen Marianne Golz-Goldlust und siebzehn weitere Angeklagte fand am
18. Mai 1943 vor dem Sondergericht beim Deutschen Landesgericht in Prag statt. Die Anklage wurde im ideologischen Geist der nationalsozialistischen Justiz geführt und versuchte, nicht nur konkrete Taten, sondern auch die persönlichen und sozialen Bindungen der Angeklagten zu kriminalisieren. In der Anklageschrift hieß es beispielsweise: „Die Angeklagte Golz-Goldlust ist derzeit zum dritten Mal verheiratet. Ihr derzeitiger Ehemann ist Volljude. Auch einer ihrer früheren Ehemänner war Volljude. Aus der Tatsache, dass die Angeklagte Golz-Goldlust aufgrund ihrer verschiedenen Ehen mit Juden geistig völlig judaisiert ist, pflegt sie freundschaftliche Beziehungen zu Juden, Halbjuden und Freunden von Juden, kann geschlossen werden, dass die Angeklagte Golz-Goldlust auch in Zukunft ohne jeglichen äußeren oder inneren Zwang ihren jüdischen Bekannten bei dem Versuch helfen würde, sich durch Auswanderung den staatlichen Maßnahmen zu entziehen.“ 17
Das Gerichtsverfahren fand zu einer Zeit statt, als die nationalsozialistische Justiz im Reich und im Protektorat jede Form der Hilfe für Verfolgte hart bestrafte. Der Prozess hatte offensichtlich auch eine exemplarische Abschreckungsfunktion. Von den achtzehn Angeklagten wurden Marianne und neun weitere Personen als „Saboteure wegen Beihilfe für Feinde des Reiches“ zum Tode verurteilt. 18
In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem über Marianne: „Sie bewegte sich mit eifriger Tatkraft in jüdischen Kreisen und setzte sich für ihre jüdischen und halbjüdischen Freunde ein. Sie handelte, wie bereits hervorgehoben, nicht aus Zwang, sondern aus innerer Überzeugung. Ihr Bestreben, sich bei ihren jüdischen Freunden beliebt zu machen, entspricht ihrer feindseligen Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Staat.” 19
Die rechtlichen Bemühungen der Familie, das Urteil aufzuheben, blieben erfolglos. Auch wiederholte Gnadengesuche halfen nichts. Marianne blieb also im Pankrác-Gefängnis, im Bewusstsein ihrer bevorstehenden Hinrichtung. Am 5. Oktober 1943, drei Tage vor ihrer Hinrichtung, schrieb sie ihrer Schwester Rosi in einem Brief unter anderem: „Heute schreibe ich dir nichts anderes, ich habe das Spiel um mein Leben verloren. Ich gehe und versuche, wie eine Heldin zu gehen. Weine nicht, das Sterben ist zu einem gewöhnlichen Phänomen geworden.
Mein Leben war schön, und bis zu meiner letzten Stunde wurde ich von all meinen Freundinnen geliebt, und von den Männern erhielt ich noch schöne Liebesbriefe, und ich war bis zur letzten Stunde so glücklich.“ 20
Am selben Tag richtete sie noch einen Brief an den Staatsanwalt, der bei ihrer Hinrichtung anwesend sein sollte. Dieser Text gehört zu den aussagekräftigsten Belegen für ihre Haltung angesichts des Todes:
„Herr Staatsanwalt,
Marianne Golz, geb. Belokostolsky 21
ich habe überhaupt keine Lust, Sie zu sehen! Aber ich werde Ihnen heute ein paar Worte sagen.
Sie haben vor Gericht nicht viel Gutes über mich gesagt. Nur eines: Ich sei eigenwillig und intelligent. Diesen Worten muss ich zustimmen, und das verpflichtet mich auch. Ich werde Mut haben, denn niemand hat das Recht, mir das Leben zu nehmen. Werden Sie auch Mut haben, wenn das Schicksal Ihnen einmal die Rechnung präsentiert? Aber Sie sind nur ein Mann.
Eines sage ich Ihnen: Überlegen Sie sich gut, ob Sie wegen solcher Dinge Frauen ermorden wollen. Denn Sie sind ein Serienmörder und dazu noch ein Frauenmörder.
Ich habe dafür gesorgt, dass mein Fall später genau bekannt wird. Und auch ihr Denunzianten werdet nicht ruhig schlafen können. Genießt trotzdem euer Essen, denn eines Tages wird das Schicksal auch euch schlechte Karten austeilen. Dann nehmt euch ein Beispiel an mir.“
Hinrichtung:
Am 8. Oktober 1943 wurde Marianne Golz-Goldlust hingerichtet. Wie viele andere Verurteilte lebte auch sie in den Monaten zuvor zwischen Hoffnung und der Erwartung des unvermeidlichen Endes. Für viele Gefangene war der Glaube, dass das Nazi-Regime zusammenbrechen würde, bevor das Urteil vollstreckt würde, die letzte psychische Stütze.
Späteren Zeugenaussagen zufolge versuchte Marianne am Tag ihrer Hinrichtung, der Guillotine mit eigenen Händen zu entkommen. In der Vorbereitungszelle soll sie tödliches Gift genommen haben. Wenn dieser Versuch tatsächlich stattfand, war er nicht erfolgreich – aus den verfügbaren Berichten geht hervor, dass sie in einem Zustand schwerer Unpässlichkeit oder Halbbewusstlosigkeit dennoch zum Hinrichtungsort gebracht und das Urteil vollstreckt wurde.
Kurz nach der Hinrichtung schickte Karel Rameš Mariannes Schwester Rosi eine kurze Nachricht nach Wien, in der er sie zur Tapferkeit aufforderte und unter anderem schrieb: „Bitte, Madame, seien Sie tapfer. Marianne Golz war eine starke, heldenhafte Frau.“ 22
Ein weiteres Zeugnis über die letzten Stunden Mariannes liefert ein Brief ihrer Mitgefangenen Otýlie Hynková, die ebenfalls auf ihre Hinrichtung wartete. Darin wandte sie sich direkt an Rosi und versuchte, das Versprechen zu erfüllen, das sie ihrer verstorbenen Freundin gegeben hatte:
Ich habe Marianne versprochen, Ihnen nach ihrem Tod zu schreiben. Ich halte mich an unsere Vereinbarung und erfülle sie lieber früher, bevor ich selbst gehen muss. Meine Marianne ist mir vorausgegangen. Marianne war mehrere Monate lang krank und hat nichts gegessen. In den letzten Tagen, als sie wusste, dass sie gehen würde, wollte sie sich die Pulsadern aufschneiden, aber es gelang ihr nicht. Sie wollte sich erhängen, aber auch das misslang. Im letzten Moment besorgte sie sich Tabletten und nahm sie in der letzten Nacht ein. Es ging ihr sehr schlecht, und in diesem bedauernswerten Zustand, fast bewusstlos, wurde sie am Morgen weggebracht. Sie ist dem Tod nicht entkommen, so wie wir alle ihm nicht entkommen werden. Sie starb still, ohne zu wissen, wohin sie geht. Frau Růženka, so starb Ihre liebe Schwester, von allen geliebt und von allen betrauert. Meine Marianne, meine liebe Marianne, ich liebe sie so sehr, verzeihen Sie mir, ich bin sehr traurig, ich schicke Ihnen diesen Brief, weil ich es versprochen habe. Ansonsten schreibe ich niemandem, denn ich selbst bin für diese Welt bereits tot. 23
Nachkriegsreflexion der Geschichte im öffentlichen Raum:
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Erinnerung an Marianne Golz-Goldlust nur sehr langsam durch. Die Familie bemühte sich zwar um eine zumindest teilweise offizielle Anerkennung ihres Leids, doch eine öffentliche Würdigung blieb lange aus. Im Jahr 1958 stellte ihr inzwischen wiederverheirateter Ehemann Hans Golz einen Antrag auf Entschädigung bei der sogenannten Entschädigungsbehörde in Berlin. Die Behörde stellte fest, dass Mariannes Fall nach der Entschädigungsgesetzgebung unter die Kategorie „Freiheitsbeschränkung“ fällt. Zwei Jahre später wurde ihr für die Dauer ihrer zehnmonatigen und neunzehntägigen Haft eine „Entschädigung für Freiheitsbeschränkung” in Höhe von 1500 Mark zugesprochen – ein Betrag, der die Schwere ihres Schicksals nur symbolisch widerspiegelte.
Eine öffentliche Reflexion ihrer Geschichte gab es in der Tschechoslowakei nach 1945 praktisch nicht. Über lange Jahrzehnte hinweg blieb Ramešs Buch „Žaluji“ (Ich klage an, 1946) das wichtigste Zeugnis, das jedoch weder durch weitere Forschungen noch durch eine breitere Popularisierung systematisch weiterentwickelt wurde. Für diese Vernachlässigung gab es wahrscheinlich mehrere Gründe. Marianne war eine Frau ohne Verbindungen zum kommunistischen Widerstand, ihre Aktivitäten waren eher ziviler Natur, und darüber hinaus handelte es sich um eine Persönlichkeit mit einer mehrdeutigen nationalen Identität – eine deutschsprachige Österreicherin, die eng mit dem jüdischen Milieu verbunden war. Ein solches Profil entsprach nicht dem kommunistischen Kanon des „heldenhaften Widerstands“ der Nachkriegszeit und späterer Zeit, der vor allem organisierte, ideologisch ausgeprägte Formen des Widerstands bevorzugte.
Erst nach 1989 begann eine schrittweise Rehabilitierung und eine breitere Erinnerung an ihr Schicksal. Eine bedeutendere moralische Anerkennung kam bereits zuvor aus dem Ausland: Am 9. Juni 1988 verlieh die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Marianne Golz-Goldlust posthum den Titel „Gerechte unter den Völkern“. Zu ihren Ehren wurde im Olivenhain des Gedenkstättenkomplexes der Baum Nr. 806 gepflanzt. Diese Auszeichnung gehört zu den höchsten Ehrungen, die Israel an nichtjüdische Personen vergibt, die nachweislich während der Shoah bei der Rettung von Juden geholfen haben.
Die rechtliche Rehabilitierung erfolgte erst zur Jahrtausendwende. Auf Initiative von Verwandten bestätigte die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin am 2. Januar 2000, dass das Urteil des Sondergerichts in Prag vom 18. Mai 1943 gemäß dem Gesetz zur „Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafgerichtsbarkeit“ aufgehoben wurde. Damit wurde Marianne Golz-Goldlust offiziell rechtlich rehabilitiert.
Marianne war dreimal verheiratet, hatte jedoch keine eigenen Kinder. Ihr dritter Ehemann Hans heiratete nach dem Krieg erneut und 1947 wurde ihm ein Sohn namens Ronald (Ronnie) Golz geboren. Gerade er hat sich später um die Erinnerung an Mariannes Geschichte und die Sammlung von Quellen zu ihrem Leben verdient gemacht. Das Ergebnis seiner Bemühungen war unter anderem eine Buchveröffentlichung in mehreren Sprachversionen, die 2014 auch auf Tschechisch unter dem Titel „Byla jsem šťastná až do poslední hodiny“ (Ich war bis zur letzten Stunde glücklich) erschien. Ronnie Golzes Suche nach Mariannes Schicksal wurde auch von der italienischen Dokumentarfilmerin Monica Repetto in ihrem Film „La vera storia di Marianne Golz“ (Die wahre Geschichte von Marianne Golz, 2008) festgehalten.
An Mariannes Namen erinnern heute auch mehrere Gedenkorte. Es steht auf einem Denkmal im Krematorium Strašnice in Prag, das an die 1893 Opfer des Nationalsozialismus aus den Jahren 1941‒1945 erinnert, insbesondere an die in Prag in Pankrác, Ruzyně und Kobylisy hingerichteten Menschen und an die Häftlinge der Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Eine Gedenktafel mit einem tschechisch-deutschen Text wurde im Januar 2020 an dem Haus in der Farského-Straße 425/4 in Prag enthüllt, wo Marianne bis zu ihrer Verhaftung lebte; die Initiative ging von der Eigentümergemeinschaft des Hauses aus, und Ronnie Golz nahm an der feierlichen Zeremonie teil.
Eine weitere Form des Gedenkens war die Ausstellung „Gerechte unter den Völkern – Marianne Golz-Goldlust“, die 2014–2015 vom Österreichischen Kulturforum in Prag in Zusammenarbeit mit der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand und dem Prager Archiv der Sicherheitsbehörden organisiert wurde. Zuletzt wurde ihr Schicksal in Petra Klabouchovás Roman „Duch Pankráce“ (2025) literarisch verarbeitet, der in literarischer Form das Milieu des Pankrác-Gefängnisses einschließlich der Beziehung zwischen Marianne Golz-Goldlust und Richard Mácha (unter anderen Namen) schildert.
Fazit:
Die Geschichte von Marianne Golz-Goldlust vereint somit mehrere Ebenen, die sie zu einem außerordentlich aussagekräftigen Zeugnis der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung machen. Sie zeigt die Verwandlung einer erfolgreichen Künstlerin in eine Persönlichkeit, die sich in einer Extremsituation entschloss, nach ihrem eigenen Gewissen zu handeln, außerhalb des organisierten Widerstands und ohne die Gewissheit irgendeines Schutzes. Gerade diese nicht institutionalisierte, individuell motivierte Hilfe für Verfolgte gehört zu den wesentlichen, wenn auch lange vernachlässigten Formen des Widerstands. Gleichzeitig erinnert ihr Schicksal daran, wie selektiv die Erinnerung nach dem Krieg war. Die Tatsache, dass diese Persönlichkeit jahrzehntelang fast außerhalb des öffentlichen Interesses blieb, sagt mehr über die damaligen Interpretationsrahmen aus als über die Bedeutung ihrer Taten. Erst spätere Forschungen und allmähliche Erinnerungen ermöglichten es, ihre Geschichte wieder in den größeren Kontext der Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung und der bürgerlichen Solidarität einzuordnen.
Mehr über die Materialien „Echos der Frauenstimmen des Krieges“.
Mit Unterstützung:
Internetquellen:
- DROBNÝ, Jaroslav: Frauen wie ich sterben nicht im Bett. Hobulet, 25. 2. 2021. Verfügbar unter: https://www.praha7.cz/zeny-jako-ja-neumiraji-v-posteli/.
- Golz-Goldlust Marianne. Gedenktafeln in Prag, 18. 11. 2020. Verfügbar unter: https://www.pametni-desky-v-praze.cz/2020/11/18/golz-goldlust-marianne-na-dome-cp- 425-4-ul-farskeho-praha-7-holesovice/.
- Golz Maria (Belokosztolsky). Yad Vashem. Verfügbar unter: https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4015062.
- JELÍNKOVÁ, Nina: Der Geist, der durch die Nacht wanderte. Karel Rameš rettete Tausende von Flugblättern. Der Geist von Pankrác verkaufte dann Eis. Médium.cz, 7. 1. 2026. Verfügbar unter: https://medium.seznam.cz/clanek/nina-jelinkova-duch-ktery- chodil-noci-karel-rames-zachranil-tisice-motaku-duch-pankrace-pak-prodaval-zmrzlinu- 224616.
- Marianne Golz-Goldlust – Gerechte unter den Völkern. Kdykde.cz. Verfügbar unter: https://www.kdykde.cz/calendar/kdykde/572960-marianne-golz-goldlust-spravedliva- mezi-narody
- Gedenktafel Marianne Golz-Goldlust. Verein für militärische Gedenkstätten. Verfügbar unter: https://www.vets.cz/vpm/42188-pametni-deska-marianne-golz-goldlust/#42188- pametni-deska-marianne-golz-goldlust.
- Gedenktafel erinnert an die mutige Frau Marianne Golz-Goldlust. Seniorclub.cz. Verfügbar unter: https://www.seniorclub.cz/pametni-deska-pripomina-statecnou-zenu- marianne-golz-goldlust/.
- Ronnie Golz (Goldlust). Verfügbar unter: https://www.rgolz.de/.
- Tolska, Marianne. Österreichisches Musiklexikon. Verfügbar unter: https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_T/Tolska_Marianne.xml.
Literatur:
- GOLZ, Ronnie: Byla jsem šťastná až do poslední hodiny (Ich war bis zur letzten Stunde glücklich). Prag 2014.
- KAREL, R.: Žaluji: pankrácká kalvarie (Ich klage an: Die Tortur von Pankrác). Prag 1946.
- KOURA, Petr: „Je to vůbec nemyslitelné, že něco takového se může ve 20. století stát“. Pankrácká sekyrárna neboli oddělení II A („Es ist unvorstellbar, dass so etwas im 20. Jahrhundert passieren kann“. Die Pankrácká Sekyřárna oder Abteilung II A). In: Paměť a dějiny, Nr. 1, 2008.
Anmerkungen – Quellenangaben:
- Brief von Marianne Golz-Goldlust an Karl Rameš, 5. 10. 1943. GOLZ, Ronnie: Byla jsem šťastná až do poslední hodiny (Ich war bis zur letzten Stunde glücklich). Prag 2014, S. 77. ↩︎
- Erinnerung von Erika Haal, ohne Datum. Ibid., S. 93-94. ↩︎
- Aussage von Hans Golz-Goldlust, ohne Datum. S. 90. ↩︎
- Interview mit Erika Haala, Juli 1987. Ibid., S.105. ↩︎
- Ibid., S. 101. ↩︎
- Interview mit Erna Steiner, 5. 11. 1989. Ibid., S. 109. ↩︎
- Ibid., S. 110. ↩︎
- Ibid., S.111. ↩︎
- Interview mit Erika Haala, Juli 1987. Ibid., S.101. ↩︎
- Interview mit Erna Steiner, 5. 11. 1989. Ibid., S. 111. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Brief von Marianne Golz-Goldlust an Karl Rameš, 5. 10. 1943. Ibid., S. 77. ↩︎
- Brief von Marianne Golz-Goldlust an Karl Rameš, ohne Datum. Ibid., S. 96-97. ↩︎
- Interview mit Erika Haala, Juli 1987. Ibid., S.101. ↩︎
- GOLZ, Ronnie: Byla jsem šťastná až do poslední hodiny (Ich war bis zur letzten Stunde glücklich). Prag 2014, S. 86-87. ↩︎
- Brief von Marianne Golz-Goldlust an ihre Schwester Rosi Haala, 23. 5. 1943. Ibid., S. 32. ↩︎
- GOLZ, Ronnie: Byla jsem šťastná až do poslední hodiny (Ich war bis zur letzten Stunde glücklich). Prag 2014, S. 98. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Ibid., S. 82. ↩︎
- Brief von Marianne Golz-Goldlust an den Staatsanwalt, 5. 10. 1943. Ibid., S. 84. ↩︎
- Brief von Karel Rameš an Rosi Haala, ohne Datum. Ibid., S 86. ↩︎
- Brief von Otýlie Hynková an Rosi Haala, undatiert. Ibid., S. 84-85. ↩︎
